Freitag, 8.8. - Empfang im Rathaus
Empfang von arabisch-christlichen Jugendlichen aus Israel mit deutschen Gastfamilien im Ratssaal am 8. August 2008, 17 Uhr durch StR Wolfgang Müller- FehrenbachLiebe Gäste,
sehr geehrter Bundestagsabgeordneter Andreas Jung,
sehr geehrter Herr Pfarrer Dr. Andreas Rudiger,
sehr geehrter Herr Elias Abu Oksa,
meine verehrten Damen und Herren,
im Namen der Stadt Konstanz und unseres Oberbürgermeisters Horst Frank darf ich Sie herzlich hier im Rathaus begrüßen.
Für uns in Konstanz ist es immer ein sehr erfreuliches Ereignis, wenn eine Jugendbegegnung bei uns stattfindet. Wir schätzen neben der internationalen Seite dabei auch, dass solche Ereignisse schöne Gelegenheiten für Kontakte und Gespräche bieten, und nicht zuletzt freuen wir uns natürlich, dass wir durch sie die Möglichkeit erhalten, unsere Stadt vorzustellen:
die schöne Lage am See, aber auch einige interessante historische Sehenswürdigkeiten, die wir zu bieten haben, als Zeugnisse unserer weit zurückreichenden Geschichte. Einige Einblicke erhalten Sie bereits hier im Ratssaal, der aus dem 15. Jahrhundert stammt; er gehörte zum Zunfthaus „Zum Thurgau“, das Haus der reichsten und angesehensten Bürgerzunft, nämlich der Kaufleute, Goldschmiede, Maler, Tuchscherer und Bildhauer. In diesem Raum hielt Kaiser Maximillian 1507 eine Reichsversammlung ab.
Über die Konstanzer Geschichte gäbe es viel zu erzählen: angefangen von der jüngeren Steinzeit über die keltischen Siedlungen, die Römer, Früh- Mittel- und Spätmittelalter, 17., 18. und 19. Jahrhundert bis schließlich in unsere Gegenwart. Aber bleiben wir beim Konjunktiv.
Zunächst freut es mich sehr, dass Sie, liebe Gäste, den langen Weg von Israel nach Konstanz auf sich genommen haben, um die Bodenseeregion zu erkunden und kennenzulernen.
Im Sommer letzten Jahres haben Jugendliche aus den Kirchengemeinden Sankt Gebhard in Konstanz und Bruder Klaus in Gundelfingen Israel und Ägypten bereist und im Rahmen dieser Pilger- und Begegnungsreise die heiligen Stätten des Christentums besucht.
Aber nicht nur der Besuch der historischen und christlichen Stätten stand auf dem Programm, wie bereits der Name Pilger- und Begegnungsreise sagt.
Es ging auch um das Kennen lernen von anderen Menschen. Und es ging darum zu verstehen, wie man in anderen Ländern und Kulturkreisen lebt und was die Bewohner, hier des Nahen Ostens, bewegt.
Aus diesem Grund war bei dieser Reise die internationale Jugendbegegnung ein wichtiger Programmpunkt.
In Mi’ilya in Galiläa trafen sich Jugendliche aus Deutschland und Israel, um gemeinsam mehr voneinander zu erfahren.
Diese Begegnung war sehr fruchtbar und hat dazugeführt, dass sich wertvolle Kontakte entwickelt haben. Deshalb sind Sie, liebe Gäste, dieses Jahr aus Mi’ilya/ Galiläa nach Konstanz gekommen, um die Jugendbegegnung fortzusetzen.
Auf den ersten Blick sind Konstanz und Mi’ilya zwei Städte, die mehr als 3000 Kilometer voneinander entfernt liegen. Sie gehören unterschiedlichen Kulturkreisen an und liegen auf verschiedenen Kontinenten: Konstanz in Europa, Mi’ilya in Asien. So gesehen sind die beiden Orte sehr verschieden, und Gemeinsamkeiten sind nicht sofort augenscheinlich.
Doch wenn man genauer hinschaut, entdeckt man doch Gemeinsamkeiten, die die beiden Städte haben.
Zum einen lag Konstanz wie auch Mi’ilya im Gebiet des Römischen Reiches und wurde schon früh christianisiert. Zu Beginn des 1. Jahrhunderts nach Christus errichteten die Römer auf dem heutigen Münsterhügel eine befestigte Anlage. Aus diesem römischen Stützpunkt entwickelte sich im Frühmittelalter eine städtische Siedlung, die den römischen Namen „Constantia“ beibehielt.
Vom 6. Jahrhundert bis zum Jahre 1827 war Konstanz Bischofssitz des größten deutschen Bistums. Ihre Blütezeit erlebte die Stadt vom 10. bis zum 14. Jahrhundert: Konstanz lag im Schnittpunkt der Handelsstraßen nach Oberitalien, Frankreich und Osteuropa und avancierte zu einem wichtigen Handelsplatz für Pelze, Leinen und Gewürze.
Zum anderen liegen Konstanz und Mi’ilya an bedeutenden Pilgerrouten. Unsere Stadt liegt am Jakobsweg. Dieser führt durch mehrere Länder nach Santiago de Compostela in Spanien, um den Ort, an dem der Heilige Jakob der Legende nach wirkte, zu besuchen.
Auf dem Weg dorthin kommen viele Pilger über den sogenannten „Schwabenweg“ und machen Halt in Konstanz. Der Weg verläuft über den Münsterplatz und führt am See entlang hinüber in die Schweiz.
Mi’ilya befindet sich auf dem Weg nach Jerusalem, der Heiligen Stadt. Seit mehr als 2000 Jahren pilgern Menschen dorthin um die Wirkungsstätten vieler Heiliger zu sehen - dabei durchqueren sie West -Galiläa und kommen auch durch Mi’ilya. Ihr Ort ist heute wie vor Jahrhunderten Station für viele (christliche) Pilger.
Soweit der Blick in die Geschichte. Aber auch in Gegenwart gibt es bei uns in Konstanz Verbindungen zwischen Deutschland und Israel/ Palästina.
Für uns als Stadt ist die Pflege dieser Beziehungen ein entscheidender Punkt. Nur so wird ermöglicht, dass wir einer Verständigung unter den Völker einen Schritt näher kommen. Völkerverständigung kann nur gelingen, wenn die Beziehungen zwischen Menschen lebendig bleiben und immer wieder durch persönlichen Kontakt erneuert werden. Für diese Herausforderung kann die Stadtverwaltung nur den Rahmen geben. Handeln müssen vor allem die Menschen.
Konkret unterhält die Universität Verbindungen zu israelischen Universitäten und hat eine Partnerschaft mit der Universität Tel Aviv. Der Förderkreis Konstanz- Tel Aviv ermöglicht mit einem Stipendienprogramm, dass jedes Jahr fünf Studierende für ein halbes Jahr in Israel studieren können und das Land in seinen verschiedenen Facetten kennen lernen.
Im Rahmen eines Schüleraustausches kamen im Jahr 2006 Schülerinnen und Schüler der Schule „Talitha Kumi“ aus Beit Jala bei Bethlehem nach Konstanz. Der Besuch der Schule, auf die israelische wie auch palästinensische Kinder gehen, war der erste Besuch einer palästinensischen Schule in Deutschland.
Daneben pflegt die Stadt Konstanz Kontakte mit ehemaligen Konstanzer Bürgerinnen und Bürger, die in den 30 - er Jahren des 20. Jahrhunderts nach Israel/Palästina emigrieren mussten.
Bei allen diesen Aktivitäten ist Toleranz eine wichtige Voraussetzung.
Einander Vertrauen zu schenken und den Begriff der Toleranz zu leben, das ist gerade auch für uns in Deutschland mit unserer Geschichte keine Selbstverständlichkeit, sondern ein langer Prozess und auch eine nach wie vor aktuelle Aufgabe. Hier kommt den Städten und Gemeinden als den Keimzellen der Demokratie eine besondere Bedeutung zu, denn hier erhalten die abstrakten Begriffe „Staat“ und „Gesellschaft“ ihre ganz konkreten Inhalte. Hier kennt man sich, hier geht man vielleicht in denselben Verein, die Kinder besuchen dieselbe Schule, man trifft sich als Kollege bei der Arbeit oder lebt als Nachbarn in demselben Quartier. Und hier kann man selbst dazu beitragen, das Gemeinwesen miteinander zu gestalten.
Vertrauen und Toleranz als Werte zu leben ist auch für uns hier vor Ort eine fortwährende Aufgabe. Heute leben ca. 10.000 Menschen aus über 130 Staaten der Erde in unserer Stadt. Jeder und jede von ihnen, die hier leben und arbeiten, ist ein Teil unserer kommunalen Gemeinschaft. Sie sind Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt, ungeachtet ihrer Herkunft. Vor diesem Hintergrund hat auch die interreligiöse und interkulturelle Zusammenarbeit eine große Bedeutung bei uns, z.B. durch jüdisch-christlich- islamische Begegnungen. Hier zeigen die Kirchen zusammen mit den anderen Religionsgemeinschaften eindrucksvoll, wie ein religiöser Dialog über die konfessionellen Grenzen hinaus im Zeichen der Toleranz möglich ist.
Für dieses wertvolle Engagement sind wir sehr dankbar.
Denn die „Lebensqualität“ in unserer Stadt hängt nicht nur von der historischen Kulisse und der Lage am See ab, sondern auch von diesen Beiträgen zur kommunalen Gemeinschaft.
Konstanz ist eine Stadt mit Kultur, eine Stadt der Bildung und eine Stadt der Wirtschaft und Wissenschaft. Konstanz ist eine internationale Stadt und Konstanz ist eine soziale Stadt.
Die „historische Stadt mit jungem Herz“ bietet den Menschen, die hier leben, ein vielfältiges und lebendiges Umfeld mit modernen Arbeitsplätzen und einer vorbildlichen Infrastruktur in vielen Bereichen, wie z.B. bei der Ausstattung mit Kindergärten, der medizinischen Versorgung, dem ÖPNV, dem vielfältigen Angebot an Kultur- und Freizeit-einrichtungen für Jung und Alt. Dafür haben Verwaltung und Gemeinderat in den vergangenen Jahrzehnten durch eine ebenso weitsichtige wie besonnene Stadtentwicklungspolitik zukunftsfähige Weichen gestellt.
Wenn Sie durch die Stadt laufen, erkennen Sie z.B. bei der Markstätte oder am Augustinerplatz große Sanierungsgebiete, die die Kraftanstrengungen der Stadt im baulichen Bereich erkennen lassen. Beim Gewerbe hat Konstanz bemerkenswerte Schwerpunkte und Entwicklungen im Bereich der neuen Technologien zu verzeichnen.
Die Stadt hat sich im Prozess des wirtschaftlichen Strukturwandels in den vergangenen Jahrzehnten gut positioniert. Die Entwicklung der beiden Hochschulen hat wesentlich dazu beigetragen, dass der Dienstleistungsbereich in unserer Stadt gegenüber dem Bundes- und Landestrend überdurchschnittlich angewachsen ist. Mit Firmen wie Siemens haben Großunternehmen von internationaler Bedeutung ihren Sitz in Konstanz. Die Standortqualitäten, die sich in den letzten Jahren herausgebildet haben, führten zu der Ansiedlung einer Vielzahl kleinerer und mittlerer Unternehmen vor allem im Bereich der Neuen Technologien. Diese Unternehmen sind ein Zeichen dafür, dass die Stadt sich zu einem Wirtschaftsstandort mit hoher Eigendynamik entwickelt hat. Man kann also sagen, in Konstanz bewegt sich was.
Zum Schluss möchte ich mich bei Herrn Pfarrer Dr. Andreas Rudiger, den Gemeindemitgliedern und den Gastfamilien für die Organisation dieser Jugendbegegnung bedanken sowie bei allen anderen, die dazu beigetragen haben, dass dieser Besuch zustande kommen konnte.
Ihnen, liebe Gäste, wünsche ich einen wunderbaren Aufenthalt in unserer Stadt und viele schöne Begegnungen.






