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Dass jemand sich so tief in das Leiden Christi am Kreuz versenken kann, dass die Wundmale des Gottessohnes an seinem Körper sichtbar wer­den, ist für einen modernen, „aufgeklärten“ Menschen schwer zu be­greifen. Aber es gibt diese sog. Stigmatisierten (von altgriech. stigma = Stich, Zeichen, Brandmal) schon seit vielen Jahrhunderten.

Der bekannteste unter ihnen ist sicher der hl. Franziskus.  Nachdem er sich im Jahre 1224 fast erblindet in die Berge bei Arezzo zurück­gezogen hatte, empfing er die Wundmale Christi und konnte sie, so wird berichtet, bis zu seinem Tode zwei Jahre später verbergen. Wie viele Stigmatisierte es im Laufe der Ge­schichte überhaupt gegeben hat, darüber gehen die Mei­nungen der Wissenschaftler auseinander; man schätzt ihre Zahl zwischen über 300 und unter 100.  Es sind überwiegend Frauen wie Anna Katharina Emmerick (gest. 1824), deren Lebensgeschichte der Dichter Clemens von Brentano auf­gezeichnet hat, oder Therese von Konnersreuth (gest. 1962), die besonders vielen Anfeindungen und Verleumdungen ausgesetzt war, weil viele sie für eine Betrügerin hielten.

Neben dem ungeheuer beliebten Padre Pio wird in Italien noch ein anderer Kapuziner verehrt: Fra Elia (geb. 1962).  Bei diesem Mönch zeig­ten sich schon während seiner Noviziatszeit die Wundmale Christi. Berühmte Ärzte und Theologen haben jahrzehntelang deren Echtheit überprüft und bestätigt. Sein Miterleiden der Passion Christi wurde am Karfreitag 2003 gefilmt und im italienischen Fernsehen übertragen. Fra Elia hatte 1994 sein geliebtes Kloster verlassen, um wieder „normal“ zu werden. Als aber die Stigmata nicht verschwanden, wurde ihm klar, dass es seine Aufgabe sein sollte, in der Welt und für die Welt zu leben. Er gründete eine Gemeinschaft, die „Apostel Gottes“, die sich besonders um gefährdete Jugendliche kümmert.

Die katholische Kirche steht dem Phänomen der Stigmatisation ziemlich kritisch gegenüber und wertet sie nicht automatisch als Beweis für be­sondere Heiligkeit.  Wenn es um eine Heilig- oder Seligsprechung geht, wird die Tatsache, dass jemand die Wundmale Christi trägt, entweder übergangen oder nur am Rande erwähnt.

Auch in der evangelischen Kirche soll es Stigmatisierte geben. Warum auch nicht? Sonderbar erscheint jedoch, dass auch bei einer Anthro­posophin die Wundmale aufgetreten sind. Judith von Halle (geb. 1972) irritiert ihre Glaubensbrüder und –schwestern in hohem Maße, wenn sie ihre Wunden als „äußeren Beweis“ für die „Durchdringung mit dem Auferstehungsleib“ deutet. So etwas war bei Rudolf Steiner, dem Be­gründer  dieser geistigen Richtung, nicht vorgesehen.

Die Mehrzahl der Mediziner wie übrigens auch der Theologen führt die Stigmatisation auf natürliche psychogene Ursachen zurück. Psychoso­matische Phänomene wie Autosuggestion, Ideoplastie, wenn eine Idee einen formgebenden Einfluss auf Teile eines Organismus hat, und Hyste­rie, verbunden mit einer starken Passionsfrömmigkeit könnten dabei eine Rolle spielen. Auch bewusste oder unbewusste Manipulationen schließen manche  Wissenschaftler nicht aus.

Als „Beweis“ für die psychogene Entstehung der Stigmata gilt einigen Forschern die Tatsache, dass Handstigmata in der Regel auf der Hand­innenseite oder dem Handrücken zu sehen sind, während es heute als wahrscheinlich gilt, dass die Nägel bei der Kreuzigung in der Nähe der Handwurzel zwischen Elle und Speiche eingeschlagen wurden. Durch die Lage der Wundmale  manifestiere sich die Vorstellung, die die be­troffene Person von den Leiden Christi hat, so wird argumentiert.

Psychische Ursachen schließen, meine ich, den Einfluss göttlicher Gnade nicht aus. Mit großer Wahrscheinlichkeit gab und gibt es unter den Stig­matisierten auch vereinzelte Hysteriker oder Betrüger, aber dennoch sind sicher die meisten derjenigen, die die Wundmale  Christi tragen, tief religiös.

P. Massimo F. Fusarelli, Lehrbeauftragter für Dogmatische Christologie, schreibt dazu: „Wenn der Herr eine Seele ruft, um mit ihr seine Passion zu teilen, so tut er es niemals auf deren Wunsch hin, noch um ihr beson­dere spirituelle Wohltaten zu erweisen… Wenn die dafür auserwählte Person die Gnadengabe erhält, …so bleibt diese erschüttert und verwirrt zurück, hält sich selbst dieser Auszeichnung für unwürdig und kämpft mit sich selbst, bevor sie allmählich anfängt, in heiterer Gelassenheit den Willen Gottes zu begreifen und zu akzeptieren, zu verstehen als innigste Kenntnis der Liebe und des Leidens unseres Herrn Jesus Christus.“

Renate Wenzler