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Heiliger des Monats: Padre Pio 1887 – 1968

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Priester, Kapuziner, Mystiker

Gedenktag: 23. September

Dargestellt meist als Mönch in brauner Kutte mit segnend erhobener Hand


Benedikt XV. stand ihm kritisch gegenüber, Pius XI. wollte ihn zum Schweigen bringen, der gütige Johannes XXIII. bezeichnete ihn als Schar­latan und Johannes Paul II. sprach ihn heilig. Die Rede ist von Padre Pio, einer Gestalt, die viele inbrünstig verehren, andere dagegen abgrundtief verachten. Wer war dieser Mann, der polarisiert wie kaum ein anderer?

Als Francesco Forgione wurde der spätere Heilige 1887 als Kind einer Bauernfamilie in Pietrelcina bei Benevent geboren. Schon als Junge war er anders als andere, aß weniger, schlief kaum und erlitt häufig schwere Fieberattacken. Als Sechzehnjähriger trat er als Novize in ein Kapuziner­kloster ein und erhielt den Ordensnamen Pio. Das asketische Leben war hart für ihn, denn er litt an Tuberkulose, aber er hielt durch, kämpfte sich durch das Theologiestudium und wurde 1910 zum Priester geweiht. Nachdem er zunächst in seinem Heimatort als Cooperator des Pfarrers gearbeitet hatte, wurde er 1916 in das Kapuzinerkloster von San Giovan­ni Rotondo auf der Gargano-Halbinsel versetzt. Dort blieb er bis an sein Lebensende.

Im August 1918 ereignete sich etwas Unerhörtes. Nach einer grauenvol- len Nacht voller Albträume und Schmerzen entdeckte Pio am nächsten Morgen eine Wunde an seiner Seite, die aussah, als sei sie durch eine Lanze verursacht, und wenige Wochen später, als er vor einem Kruzifix im Gebet versunken war, fingen seine Handflächen und Füße an zu bluten. Padre Pio versuchte diese Wunden geheim zu halten, indem er fast ständig fingerlose Handschuhe trug. Aber seine Anhänger sahen in diesen Verletzungen die Wundmale Christi (Stigmata) und strömten zu Tausenden herbei. Sie erlebten, wie er vollkommen von der Wirklichkeit entrückt die Hl. Messe feierte, und vor seinem Beichtstuhl bildeten sich lange Schlangen. Dabei war er durchaus kein sanftmütiger Beichtvater, sondern konnte ziemlich grob werden. Er verfügte, so wird berichtet, über die Fähigkeit, Menschen zu durchschauen und verweigerte ihnen knallhart die Absolution, wenn er merkte, dass sie nicht aufrichtig waren.

Je beliebter Padre Pio beim einfachen Volk wurde,  umso kritischer stand ihm die offizielle Kirche gegenüber. Mehrmals musste er wegen seiner Wundmale  kirchlich angeordnete Untersuchungen über sich ergehen lassen. Die meisten Ärzte waren ziemlich ratlos, aber der berühmte Me­diziner Antonio Gemelli hielt Padre Pio für einen „selbstzerstörerischen Psychopath und Betrüger“. Und während mehr und mehr Gläubige nach San Giovanni Rotondo pilgerten, untersagte der Vatikan dem Kapuziner nach und nach alle priesterlichen Tätigkeiten. Er durfte keine Sakramen­te mehr spenden, keinen Segen erteilen, noch nicht einmal die schrift­lichen Anfragen  seiner Anhänger beantworten. Man versuchte ihn total von der Außenwelt abzuschotten. Als man den Ordensmann schließlich nach Ancona zwangsversetzen wollte, probten seine Anhänger den Auf­stand. Padre Pio durfte bleiben. Zehn Jahre ertrug der Mönch die Isola­tion, dann feierte er in der Kirche des Klosters – verbotenerweise – wieder eine Hl. Messe. Rom hielt sich zurück.

Von nun an kümmerte sich Padre Pio in besonderer Weise auch um die Armen und Kranken. In den vom Schicksal Benachteiligten sah er den leidenden Christus. Er linderte ihre Not durch Worte des Trostes, konnte aber auch viele durch Handauflegen heilen. Von Spendengeldern ließ er 1956 eines der modernsten Krankenhäuser Italiens, die „Casa del Sollievo della Sofferenza“ (Haus des Trostes des Leidens) bauen. Neben mo­dernsten Therapiemöglichkeiten steht in dieser Klinik die seelische Be­treuung ganz im Vordergrund.

Nach dem Tode Padre Pios im Jahre 1968 begann die offizielle Kirche umzudenken. Johannes Paul II. war ein großer Verehrer des Mönchs von Gargano. Bereits 1947 hatte er ihn kennen gelernt. Pio hatte ihm da­mals prophezeit, dass er einmal Papst würde und dass es viel Blut in seinem Leben geben werde. Karol Wojtyla hatte die Worte des Kapuzi­ners damals nicht ernst genommen, vergessen hatte er sie aber auch nicht. Wie wichtig ihm später die Rehabilitierung des Mönchs war, kann man schon daran erkennen, dass noch nie in der neueren Kirchenge­schichte ein Mensch so kurz nach seinem Tode heilig gesprochen worden ist, nämlich schon 2002.

Padre Pio ist heute in Italien mit Abstand der beliebteste Heilige. Sein Bild fehlt in kaum einer Wohnung. Allein in seinem Heimatland gibt es 2300 Gebetsgruppen, die sich an seiner Spiritualität orientieren. San Giovanni Rotondo ist heute laut „heiligenlexicon. de“ die meistbesuchte Wallfahrtstätte der Welt mit doppelt so viel Pilgern wie beispielsweise in Lourdes. So weit wäre noch alles halbwegs in Ordnung, aber wenn man liest, dass nach einer Umfrage unter den Katholiken Italiens die Men­schen sich dort in Glaubensdingen zuerst an Padre Pio wenden – mit Riesenabstand vor Maria und Jesus – dann stimmt etwas nicht.

Renate Wenzler