Predigt 15. Sonntag
Lk 10,25-37
Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder und Jugendliche, das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter ist uns allen gut bekannt. Ein Gesetzeslehrer möchte Jesus hereinlegen. Er fragt, was man tun muss, um das ewige Leben zu gewinnen. Er meint es nicht wirklich ernst und fragt ziemlich unpersönlich: Was muss man getan haben? Nicht „ich“, sondern „man“. In seiner Antwort dreht Jesus den Spieß um und fragt ganz persönlich: Was liest du im Gesetz? Damit ist Jesus mitten in einem persönlichen Seelsorgegespräch. Er will die Mithörenden zum rechten Tun zu bewegen. Denn was ich als Mensch tun muss, um das ewige Leben zu gewinnen, ist damals wie heute für jeden einzelnen Menschen eine entscheidende Frage.
Der Gesetzeslehrer muss also die Antwort nun selber geben. Das ist natürlich etwas peinlich für ihn. Denn das Gesetz ist ja der Wille Gottes und bedarf keiner Begründung. Die Zehn Gebote müssen auch heute nicht vor der Welt verteidigt werden. Sie sind Wort Gottes und damit für alle Menschen verbindlich. Und der Gesetzeslehrer antwortet richtig mit dem jüdischen Glaubensbekenntnis: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.“
Im Griechischen steht hier wieder „agapein (agapein)“, die göttliche Tugend der Liebe. Wir sollen Gott über alles lieben aus der Kraft, die Gott uns in der Taufe geschenkt hat, in der er uns die göttliche Tugend der Liebe eingegossen hat. Und den Nächsten wie uns selbst.
„Uns selber lieben“ ist ein entscheidender Ausdruck an dieser Stelle. Viele Menschen heute können sich selbst nicht annehmen. Sie können sich nicht so lieben wie sie sind. Sei es, dass ihnen ihr Äußeres nicht gefällt oder dass sie nicht so gut reden können wie andere oder dass sie irgendwelche Fähigkeiten nicht haben usw. Viele Menschen können nicht „Ja“ sagen zu sich selbst. Denn um sich selbst lieben zu können, muss ich zuerst Gott lieben lernen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen…“
Wenn ich Gott wirklich liebe, kann ich seine Werke doch nicht ablehnen, als hätte er da einen Fehler gemacht. Und ich bin doch sein Abbild, sein höchstes Werk, das er geschaffen hat. Weil Gott mich unendlich liebt, kann ich mich selbst auch als jemand Wertvollen wahrnehmen. Weil ich von Gott bejaht bin, kann ich mich selbst bejahen, so wie ich bin und nicht erst dann, wenn ich so wäre, wie ich gern sein wollte. Und umgekehrt gilt auch: Wenn ich mich selbst nicht annehme und lieb habe, dann kann ich auch die anderen Menschen nicht lieben, sondern werde meine Unzufriedenheit und Zerissenheit auf andere übertragen. Wenn ich aber Gott über alles liebe und von ihm her mich sehen und lieben kann, dann werde ich auch meinen Nächsten annehmen, so wie Gott ihn geschaffen und gewollt hat. Das ist die wahre „agape (agape)“, die göttliche Tugend der Liebe, die uns seit der Taufe eingegossen ist und mit der wir lieben können.
Und dann lobt Jesus den Gesetzeslehrer für seine Antwort. Das war diesem natürlich peinlich und er versucht sich wieder mit einer theoretischen Gegenfrage zu rechtfertigen: „Und wer ist mein Nächster“. Dies ist für Jesus nun die Gelegenheit, mit dem uns bekannten Gleichnis Klartext zu reden.
Zum besseren Verständis des Gleichnisses muss man wissen, dass der Mann, der hier überfallen wird, von Jerusalem kommt und Jude ist. Auch der Priester und der Levit, die vorbeikommen und weitergehen, sind Juden. Sie kommen von Jerusalem und gehen nach Jericho, der Priesterstadt. Und ausgerechnet der Samariter, der im jüdischen Verständnis ein Fremder und Feind des jüdischen Volkes war, hatte Mitleid mit dem Überfallenen. Das Gleichnis ist stark zugespitzt und gibt jetzt Antwort auf die Frage des Gesetzeslehrers, was zu tun ist, um das ewige Leben zu empfangen.
Bewusst lässt Jesus hier zwei Kultdiener vorbeikommen, einen Priester und einen Leviten, die direkt vom Tempeldienst kommen und nach Jericho gehen. Ihr Verhalten widerspricht klar dem jüdischen Hauptgebot, dass sich die Liebe zu Gott in der Liebe zum Nächsten ausdrücken muss. Ich kann nicht Gott vor dem Altar dienen und ihn scheinbar lieben, gleichzeitig aber den Nächsten verachten und liegen lassen. Priester und Levit sehen den Überfallenen, wechseln die Straßenseite und gehen an ihm vorbei. Sie haben Angst vor Berührung und davor, sich unrein zu machen – ein himmelschreiender Widerspruch zwischen scheinbarer Gottesliebe im Gottesdienst und wahrer Nächstenliebe im Alltag.
Und ausgerechnet einer von den verhassten Samaritern hat Mitleid. Er geht auf den überfallenen Juden zu ohne nach seiner Nationalität zu fragen und hilft ihm einfach. Damit zeigt Jesus, dass jeder Mensch zum Tun aufgerufen ist. Jesus kehrt jetzt die Frage: „Wer ist mein Nächster?“ um und verlangt von jedem Menschen barmherziges Handeln. Mein Nächster ist der, an dem ich barmherzig handle. Dafür gibt es keine Grenze, weder eine nationale, noch eine religiöse, noch eine ethische.
Deshalb ist die Frage: „Wer ist mein Nächster“ überflüssig. Wo Not herrscht, bin ich zum Handeln aufgerufen.
Mit dem letzten Satz im Gleichnis gibt Jesus dem Gesetzeslehrer und auch uns heute eine ganz klare Antwort auf die Frage, was ich tun muss, um das ewige Leben zu gewinnen: „Geh und handle genauso!“
Bitten wir daher Gott aus ganzem Herzen,
…dass ich ihn über alles lieben darf,
…dass ich mich selbst ganz akzeptieren und lieben lerne,
…um dann auch fähig zu werden, meine Mitmenschen anzunehmen und zu lieben, so wie Gott sie liebt.
Amen.







