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Konstanz zur Zeit des seligen Heinrich Seuse


(nach dem Vortrag am 27. Januar 2008 anläßlich der Patroziniumsfeier der Pfarrei St. Suso)


von Harald Derschka, Konstanz


Text zum Ausdrucken im PDF-Format.


Bild

1. Der selige Heinrich Seuse. Kolorierter Holzschnitt, Ulm, um 1470


Die Lebenszeit des seligen Heinrich Seuse fällt in das erste und zweite Drittel des 14. Jahrhunderts. Geboren wurde er am Ende des 13. Jahrhunderts, vermutlich in Konstanz, und er starb 1366 in Ulm.

Das war, kurz gesagt, keine schöne Zeit. Das 14. Jahrhundert war ein Krisenjahrhundert, das Krisenjahrhundert des Mittelalters schlechthin; in der Neuzeit können wir es mit dem Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges im 17. Jahrhundert vergleichen.

Vorausgegangen war eine lange Periode des Fortschrittes und des Wachstumes. Während des gesamten 12. und 13. Jahrhunderts befand sich ganz Europa in einem bis dahin unbekannten wirtschaftlichen Aufschwung. Die handwerkliche Produktion und der Handel nahmen unaufhörlich zu. Die Bevölkerung wuchs. Landauf und landab entwickelten sich kleine Flecken zu wohlhabenden Städten.

Getragen wurde dieser Aufschwung von stetigen Verbesserungen in der Landwirtschaft. Man rodete die Wälder, um Raum für Ackerland zu gewinnen. Neue Technologien erlaubten es, Sümpfe trockenzulegen und sonstigen ungeeigneten Boden mit Gewinn zu bestellen. Begünstigt wurde all dies durch das milde Klima: Im hochmittelalterlichen Europa war es wärmer als im Spätmittelalter und in der Neuzeit; so war es beispielsweise möglich, in Ostpreußen Wein anzubauen. Kurzum: Das 12. und 13. Jahrhundert waren geprägt von Wachstum und Wohlstand, materiell und kulturell.

Um 1300, als Heinrich Seuse geboren wurde, waren jedoch die Grenzen des Wachstumes erreicht. Deutschland mochte damals rund 15 Millionen Einwohner gehabt haben, Frankreich gar 20 Millionen. Für vorindustrielle Verhältnisse war das zuviel, und die Grenzen des Nahrungsspielraumes waren erreicht. Die Krise setzte bald nach 1300 ein. Wie heute wieder durchlebte Europa einen Klimawandel, nur damals in die andere Richtung: Es wurde kälter; und damit wurde die Landwirtschaft in den Randbereichen unrentabel. In die Kindheits- und Jugendzeit Seuses fallen Mißernten; und erstmals seit Generationen wurde wieder der Hunger zu einer andauernden Bedrohung und Sorge der Menschen.

Die Katastrophe brach 1347 herein. Seemänner hatten sich mit Pestbazillus angesteckt und schleppten die Lungenpest aus Zentralasien in die Hafenstädte am Mittelmeer. Von dort breitete sich eine fünfjährige Pestwelle über ganz Europa aus. Seither kehrte die Seuche in mehr oder minder regelmäßigen Abständen zurück und tötete im Laufe der Zeit viele Millionen Menschen.Die Zeitgenossen wurden durch diese Krisenerfahrung zutiefst erschüttert, und man begann nach Schuldigen zu suchen. In Konstanz traf es die Juden, denen vorgeworfen wurde, sie hätten die Brunnen der Christen vergiftet. Insgesamt dreihundert Juden wurden im Januar 1349 gefangengenommen und zwei Monate später durch Verbrennen getötet. Andere Zeitgenossen sahen in der Pest ein Zeichen des nahenden Weltendes. Sie wollten die Pest bannen, indem sie das Leiden Christi auf sich nahmen. Sie zogen in größeren Gruppen durch die Lande und geißelten sich mehrmals täglich in der Öffentlichkeit. Im Frühsommer des Jahres 1349 erreichte so ein Geißlerzug Konstanz.

Kurzum: Die Lebensspanne von Heinrich Seuse umfaßt eine der düstersten Zeiten überhaupt, und speziell für Konstanz wird man sagen dürfen, daß unsere Stadt die tiefste Krise ihrer Geschichte durchlebte und durchlitt. Wenn wir von Heinrich Seuse sprechen, müssen wir also dieses krisenhafte Zeitkolorit im Hinterkopf behalten.


Wie sah die Stadt Konstanz nun zur Zeit Seuses aus? Die Antwort wird Sie vielleicht überraschen: Das spätmittelalterliche Konstanz besaß bereits wesentliche Konturen der neuzeitlichen Stadt. Die wichtigste naturräumliche Voraussetzung war damals wie heute die Lage am Austritt des Rheins aus dem Obersee. Die Hauptverkehrsachse war durch die Rheinbrücke vorgegeben.Auf der Petershauser Seite des Rheines betrat man die hölzerne Rheinbrücke. Sie diente nicht nur dem Verkehr. Auf der Brücke standen Mühlen, welche die Wasserkraft des Flusses ausnutzten. Am südlichen Rheinufer betrat man den eigentlichen Stadtkern durch den Rheintorturm. Der Verkehr wurde nicht wie heute um den Stadtkern herumgeleitet, sondern lief mitten durch die Stadt. 


Teil 2