Konstanz zur Zeit des seligen Heinrich Seuse - Teil 2
2. Die Stadt Konstanz aus der Vogelschau, Mitte des 17. Jahrhunderts
Dieses Vogelschaubild zeigt einen schematischen Grundriß von Konstanz, der im wesentlichen auch für das späte Mittelalter Gültigkeit besitzt.
Die Hauptverkehrsachse bildete zunächst die Rheingasse, dann ging es etwas umständlich weiter durch die Inselgasse und die Brückengasse an St. Johann vorbei und über den Münsterplatz; ab da verlief sie wieder einigermaßen gerade nach Südsüdwest durch die Wessenbergstraße und die Hussenstraße. Die meisten Straßennamen in der Altstadt sind übrigens modern; sie wurden im 19. Jahrhundert den Bedürfnissen des beginnenden Bodenseetourismus angepaßt. Zu Heinrich Seuses Zeiten hieß die Rheingasse zutreffend Bruckgasse, eben weil man auf ihr zur Rheinbrücke ging. Die Wessenbergstraße war die Plattenstraße oder uf den Platten, in heutigem Deutsch: die Pflasterstraße, da sie mit Steinplatten gepflastert war. Für Nebenstraßen war das damals noch nicht selbstverständlich. Die Hussenstraße schließlich war die Stadelhofergasse, weil man durch sie nach Stadelhofen gelangte, also in die Vorstadt, die heute zwischen der Bodanstraße und Kreuzlingen liegt.Die wichtigsten öffentlichen Plätze waren der Fischmarkt (d. i. heute die obere Zollernstraße beim Hohen Haus), der Obermarkt und die Marktstätte. Der Rindermarkt, also der heutige Bodanplatz, lag bereits außerhalb der Stadtmauer in der Vorstadt Stadelhofen. Dagegen waren der Stephansplatz und der Münsterplatz dichter bebaut als heute und teilweise als Friedhöfe genutzt, weshalb sie nicht als öffentliche Plätze wahrgenommen wurden.
Die Grenzen der Kernstadt waren im Norden der Rhein, im Westen die Stadtbefestigung entlang der Laube, im Süden die Stadtbefestigung entlang der Bodanstraße und im Osten der See. An den drei Landseiten von Konstanz lagen die Vorstädte Petershausen, Paradies und Stadelhofen, die aber erst später, ab dem 15. Jahrhundert, dauerhaft mit der Stadt Konstanz verbunden wurden.
3. Die Stadt Konstanz um 1350 vom See aus gesehen,
Rekonstruktion durch R. Röber und C. Bürger
Die Seeseite von Konstanz unterschied sich zu Seuses Zeiten noch erheblich von ihrem heutigen Aussehen. Diese Rekonstruktionszeichnung der Seeseite um 1350 wurde nach dem aktuellen, zumal von der Archäologie erarbeiteten Forschungsstand entworfen. Es fehlen noch alle im 19. Jahrhundert aufgeschütteten Areale, nämlich der moderne Hafen und der Bahnhof, der Stadtgarten und die Konzilstraße. Entsprechend ist der Inselgraben noch viel breiter als heute, kein schmaler Kanal, sondern ein richtiggehender Arm des Rheines. Und es fehlt noch das bedeutendste Wahrzeichen von Konstanz an dieser Seite, nämlich das sogenannte Konzilsgebäude, das Kaufhaus am Hafen. Es wurde erst zwanzig Jahre nach Heinrich Seuses Tod errichtet.
Doch dahinter erkennen Sie bereits wesentliche Merkmale der heutigen Stadt. Zum See hin öffnen sich zwei Plätze, der Fischmarkt und die Marktstätte, die von dieser Lage auch ihren Namen hat: Sie ist das Marktgestade, also das Marktufer; hier lag im 14. Jh. der Hafen. Eine ganze Reihe von Gebäuden steht heute noch: Das Münster mit der Heiliggrabkapelle, das Eckhaus Wessenbergstraße-Torgasse mit dem Pultdach, das Hohe Haus, die Franziskanerkirche (Stephansschule), das Spital an der Marktstätte. Prominente Gebäude, die heute nicht mehr stehen, sind der Vorgängerbau der Stephanskirche oder der Salmannsweiler Hof am Fischmarkt. In der Konstanzer Altstadt gibt es eine ganze Reihe von Gebäuden, die bereits zu Heinrich Seuses Zeit standen. Allerdings hat kaum etwas davon die Jahrhunderte unverändert überdauert. Beginnen wir mit den kirchlichen Bauten.

4. Das Konstanzer Münster,
aus der Chronik des Gebhard Dacher, 1462
Das bedeutendste Bauwerk von Konstanz war damals wie heute das Münster. Wenn wir heute das Münster von außen betrachten, sehen wir vor allem die eleganten, himmelwärts strebenden spätgotischen bzw. neugotischen Stilmerkmale, wie z. B. die Harfengiebel des 15. Jahrhunderts und die Turmspitze des 19. Jahrhunderts. Heinrich Seuse sah das Münster noch in seiner ursprünglicheren, romanischen Gestalt:
Damals waren die beiden Münstertürme noch nicht zu dem einen wuchtigen Westwerk verbunden, das wir heute kennen, sondern sie standen frei und waren mit zwei spitzen Dächern bekrönt, wie es auf dieser ältesten Zeichnung des Münsters deutlich zu sehen ist. Heinrich Seuse kannte das Münster übrigens, nicht anders als wir, als Dauerbaustelle: Zu seiner Zeit wurde der Südturm eben erst errichtet; ein Erdbeben im Jahre 1356 machte umfangreiche Sanierungsmaßnahmen erforderlich.

5. Die bischöfliche Pfalz südlich des Münsters,
Rekonstruktion durch Ludwig Leiner, 1886
An der Stelle des heutigen Münsterpfarramtes stand bis ins 19. Jahrhundert die Pfalz, in welcher der Bischof wohnte; deshalb heißt der obere Münsterhof heute noch Pfalzgarten. Der im 12. Jahrhundert errichtete, immer wieder veränderte Bau muß schon zu Seuses Zeiten recht altmodisch gewirkt haben. Die Funktion von Konstanz als Bischofssitz bewirkte, daß das kirchliche, geistliche Element in der Stadt eine erhebliche Rolle spielte. In und bei Konstanz bestand eine Reihe größerer und kleinerer Klöster.





