Konstanz zur Zeit des seligen Heinrich Seuse - Teil 3
6. Das romanische Portal der Klosterkirche von Petershausen, um 1173
Das älteste und bedeutendste Kloster war die Benediktinerabtei Petershausen auf der nördlichen Rheinseite. Von den Klostergebäuden stehen noch das Abtshaus (die Musikschule) und der spätbarocke Konvent (das Stadtarchiv und das Archäologische Landesmuseum). Wenn Sie ein Stück von Petershausen sehen möchten, das auch Heinrich Seuse kannte, dann müssen Sie das Badische Landesmuseum in Karlsruhe aufsuchen. Dort stehen diese Reste eines figürlichen Portales von 1173 von der romanischen Klosterkirche von Petershausen; da sehen Sie den auferstehenden Christus flankiert von zwei Engeln. Die Petershauser Kirche stand hinter der Bushaltestelle Sternenplatz und wurde 1831 abgebrochen.
Es gab noch weitere Klöster in und bei Konstanz, von denen keine sichtbaren Überreste aus Heinrich Seuses Zeiten überdauerten, etwa das Schottenkloster beim heutigen Humboldt-Gymnasium oder das Augustinerchorherrenstift Kreuzlingen.
Dagegen prägen die Reste der ehemaligen Bettelordenklöster bis heute das Stadtbild unserer Altstadt. Die drei großen Bettelorden, also die Franziskaner, die Dominikaner und die Augustiner-Eremiten gründeten ihre Konstanzer Niederlassungen im 13. Jahrhundert, also in einer Zeit, in der sowohl die Bevölkerung als auch der Wohlstand in Konstanz rasch wuchsen. Die Bettelmönche waren als Prediger und als Seelsorger willkommen, und die finanziellen Zuwendungen der Bürger und das Wohlwollen des Bischofs erlaubten ihnen die Gründung von Klöstern.
7. Das Dominikanerkloster auf der Insel,
Rekonstruktionszeichnungen von Ludwig Leiner
Den Anfang machten im Jahre 1236 die Dominikaner. Bischof Heinrich wies ihnen die Insel vor Konstanz als Ort für ihr Kloster zu. Zahlreiche junge Konstanzer Bürger traten ins Dominikanerkloster auf der Insel ein; Heinrich Seuse war einer von ihnen; um das Jahr 1310 wurde er dort Mönch. Im heutigen Inselhotel sind noch einige Gebäudeteile aus dieser Zeit erhalten, vor allem der Kreuzgang und die Kirche.

8. Ausschnitt aus den Wandbildern der Dominikanerkirche:
Die Martyrien der Heiligen Sebastian und Georg
In der Kirche können wir sogar noch einen Teil der frühgotischen Wandbilder aus den 1330er Jahren betrachten. Sie wurden also gewissermaßen unter den Augen Heinrich Seuses gemalt. Da Heinrich Seuse kein einfacher Mönch war, sondern wichtige Funktionen im Kloster ausübte, könnte er ihre Gestaltung beeinflußt haben. An der Nordwand sind zahlreiche Medaillons zu sehen, die jeweils den Tod heiliger Märtyrer zeigen. Links sehen Sie den Heiligen Sebastian, wie er, an eine Säule gefesselt, mit Pfeilen getötet wird; rechts wird der Heilige Georg auf ein Rad geflochten, dessen Speichen durch Schwerter gebildet werden. Wir können uns zweifellos schönere Motive für die Ausgestaltung einer Kirche vorstellen, aber diese grausamen und bewegenden Szenen entsprachen ganz dem Frömmigkeitsempfinden des 14. Jahrhunderts; denken Sie an die Geißler, die 1349 Konstanz besuchten. Auch die zeitweilige Härte von Heinrich Seuses Bußübungen entspricht dieser Art der Frömmigkeit.
Fast zeitgleich mit dem Dominikanerkloster entstand ab 1240 das Franziskanerkloster, von dem leider sehr viel weniger erhalten blieb als vom Dominikanerkloster: Der Bürgersaal und die Stephansschule am Stephansplatz befinden sich im Mittelschiff der ehemaligen Franziskanerkirche. Eine der Mittelschiffarkaden ist heute noch sichtbar; sie gibt uns eine Ahnung von der früheren Größe der Franziskanerkirche.
Als letzter großer Bettelorden wurden die Augustinereremiten in Konstanz ansässig, nämlich eine Generation nach den Dominikanern und den Franziskanern, um 1268. Von ihrem Kloster am Ende der heutigen Rosgartenstraße ist nur die Kirche erhalten, im wesentlichen allerdings ein Neubau nach dem Stadtbrand von 1398. Heinrich Seuse kannte den etwas niedrigeren Vorgängerbau; wenn es denn stimmt, verbrachte er seine Kindheit ganz in der Nähe des Augustinerklosters.

9. Die Wohngebäude der Sammlung in der Münzgasse vor dem Abriß im Jahre 1969
Im Umfeld der Bettelorden entstanden im 13. Jahrhundert auch geistliche Frauengemeinschaften. Das hier waren die Wohngebäude einer solchen Frauengemeinschaft, die sich in den 1350er Jahren dem Franziskanerorden anschloß. Das reizende Ensemble, zu dem eine Marienkapelle gehörte, wurde 1969 für den Bau des Kaufhauses Woolworth abgerissen.
Eine weitere fromme Frauengemeinschaft bezog im Jahre 1266 das Haus an der Niederburgmauer, in dem sie sich heute noch befindet: das Dominikanerinnenkloster Zoffingen, das einzige noch bestehende Kloster in Konstanz. An dieser Mauer aus dem 13. Jahrhundert, deren Mauerwerk seit einiger Zeit freigelegt ist, kam Heinrich Seuse oft vorbei, zumal dieses Frauenkloster dem Männerkloster auf der Insel unterstellt war; es gibt außerdem einen Hinweis darauf, daß Heinrich Seuses Schwester Mechtild eine Nonne im Kloster Zoffingen war.Soviel also zu den geistlichen Einrichtungen in Konstanz im 14. Jahrhundert.
Nun bestand Konstanz im 14. Jahrhundert nicht nur aus Kirchen und Klöstern, sondern wie heute ganz überwiegend aus Wohn- und Geschäftshäusern. Manche der uns vertrauten Altstadthäuser standen schon zur Zeit Heinrich Seuses.




