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Beten

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Was beten ist


Beten ist der direkte Kontakt zu Gott.

Mit den Worten der heiligen Teresa von Ávila:

„Denn meiner Meinung nach

ist inneres Beten

nichts anderes

als Verweilen

bei einem guten Freund...,

weil wir sicher wissen,

dass er uns liebt."

 


***

In Dir sein, Herr, das ist alles.

Das ist das Ganze, das Vollkommene, das Heilende.
Die leiblichen Augen schließen, die Augen des Herzens öffnen
und in Dir sein, in Deiner Gegenwart.

Ich brauche nicht zu reden, damit Du mich hörst.
Ich brauche nicht zu nennen, was mir fehlt.
Ich brauche Dich nicht zu erinnern oder dir zu sagen,
was in dieser Welt geschieht.

Du weißt es.
In Dir sein, das ist alles, was mir nötig ist in dieser Nacht.
In Dir sein, das ist alles, was ich suche.
Ich will nicht den Menschen entfliehen oder ihnen ausweichen.
Den Lärm und die Unrast will ich nicht hassen.

Ich möchte sie in die Stille aufnehmen, die in Dir ist. 
Stellvertretend möchte ich schweigen und warten
für die Schlaflosen, für die Zerstreuten, für die Leidenden um mich her.
Stellvertretend für alle, die Dich nicht finden.

Ich möchte sie mitnehmen in Dich.
In Dir sein, Herr, das ist alles, was ich mir erbitte.
Damit habe ich alles erbeten, was ich brauche für Zeit und Ewigkeit.

Jörg Zink


***



Du weißt einen Weg für mich

„Gott, zu dir rufe ich am frühen Morgen
hilf mir beten und meine Gedanken sammeln;
ich kann es nicht allein.
In mir ist es finster, aber bei dir ist das Licht
ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht
ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe
ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden
in mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist Geduld

ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt einen Weg für mich.“

Dietrich Bonhoeffer in einem Brief aus dem Gefängnis


***


Es gibt heute viele Menschen, die meinen, keine Zeit zum Beten zu haben oder nicht beten zu können. Andere wollen nur beten, wenn sie das Bedürfnis danach verspüren.

Mancher würde gerne beten, findet sich aber nicht in den herkömmlichen Formen des Betens zurecht. Hält er sich daran, muß er vielfach feststellen, daß er in dieser Gebetssprache sein Leben nicht mehr unterbringt. Setzt er sich hin und will still sein, dann bricht in diese Stille alles ein, was ihn bewegt, was er arbeitet, woran er leidet. Oft findet er auch nicht die Ruhe, täglich zu beten.

Die Frage ist, ob Beten immer heißen muß: sich an Formeln halten, ein bestimmtes Pensum erledigen. In der Bibel gehört das Beten ganz selbstverständlich zum Leben, so selbstverständlich, daß es ursprünglich kein eigenes Wort dafür gegeben hat. Beten ist ein Rufen, jubeln, Klagen, Bitten, Flehen, je nach der Situation des Menschen.

Vielleicht sind manche Menschen dieser biblischen Art des Betens sehr nahe, ohne es zu wissen. Wenn sie in eine mißliche Lage kommen, fangen sie an, sich gegen Gott aufzulehnen; wenn sie eine Zeitung lesen, fragen sie, wie Gott all das Leidvolle und Böse zulassen kann; und wenn sie glücklich sind, dann läuft ihnen das Herz über.

Wir Beter des Neuen Bundes dürfen als Kinder Gottes und als Brüder Christi zum Vater kommen, wie wir sind - in unserer inneren Hetze, in unserm Unvermögen, uns zu sammeln und die rechten Worte zu finden, mit unseren Schwierigkeiten und mit unserer Schuld. Aber nicht nur dieses Vertrauen kann unser Gebet tragen. Wenn wir beten, betet Christus im Heiligen Geist mit uns. Der Getaufte betet, wie wir es so oft sagen, „durch Christus, unsern Herrn".

Der volle Grund zum Beten ist für uns immer Gott selbst und sein Heilshandeln. Gott ist so, daß er verehrt werden muß; wir sind so, daß wir Gott verehren, anbeten müssen.

Wem das Beten dennoch schwer wird, der sollte erst einmal versuchen, ohne Worte vor Gott zu verweilen. Er sollte lernen, ihm willig und vertrauend sein Inneres zu öffnen. Persönlich beten heißt ja, sein Leben zur Sprache bringen vor Gott: Ich weiß, daß ich mein Leben ausbreiten kann vor Gott - er stellt mich nicht bloß. Ich weiß, daß ich zu ihm sprechen kann, wie mir gerade ums Herz ist - er versteht mich. Ich weiß, daß ich mich vor ihm nicht verstellen kann - er kennt mich. Ich weiß, daß ich zu ihm kommen kann, wann ich will - er ist mir immer nahe. Ich weiß, daß er mich zum Beten anregt und mein Gebet mit seiner Kraft trägt.

Gott braucht mein Gebet nicht, aber mein Leben braucht das Gebet. Gott weiß, was ich nötig habe. Im Gebet versuche ich, Gottes Willen zu erfahren und mein Leben daraufhin zu ändern. Wichtig ist nur, daß ich zu ihm gehe und daß ich glaube, in ihm zur Ruhe zu kommen und geheilt zu werden. Wenn ich das tue, erfahre ich immer wieder eine Korrektur in meinem Leben, finde wieder die Richtung und darf Hoffnung haben, daß mein Leben seinen Sinn und sein Ziel nicht verfehlt.

Mein Leben braucht das Gebet, das bedeutet auch, daß ich es nicht darauf ankommen lassen darf, wann mir nach Beten zumute ist. Es ist gut für uns, regelmäßig zu beten; und es kann eine große Hilfe sein, wenn wir für unser Gebet Formeln zur Verfügung haben; auch die Wiederholung gleicher Texte im Gebet des einzelnen und im Gottesdienst hat ihren besonderen Sinn. All dies ist auch Brauch der Kirche.

Der Christ hat nicht nur den Auftrag, für sich selbst zu beten; betend wird er zur Stimme der Kirche in der ganzen Welt. Es ist gut, wenn wir uns im großen Chor der Beter wissen.

Gebet hat nicht die Absicht, die Welt aktiv zu verändern. Aber seine verwandelnde Kraft verändert den Menschen. Und solche Menschen werden bereit sein, die Welt nach dem Auftrag des Evangeliums zu verändern, bis sie in Gott vollendet wird.

Es gibt viele Formen des Betens: das Lob- und Dankgebet, in dem sich die tiefe Freude des Menschen über die Herrlichkeit Gottes und die Schönheit seiner Schöpfung ausdrückt - das Bittgebet, in dem wir erbitten, was wir brauchen, für uns und andere - das Buß- und Sühnegebet, in dem wir für uns und andere Gottes Erbarmen erflehen - das horchende Beten, in dem uns Gott zeigen kann, was wir von uns aus nicht sehen können - das betrachtende Gebet, in dem wir die göttlichen Geheimnisse aufnehmen Lind in uns wirken lassen - und das Gebet in der Gemeinschaft, das uns in brüderlicher Liebe miteinander verbindet.


***

Soviel ich vermochte
- soviel Du mir zu vermögen gewährt hast -,
habe ich nach Dir gefragt,
und ich habe danach verlangt,
mit der Vernunft zu schauen, was ich glaube,
und viel habe ich disputiert und mich abgemüht.

Herr, mein Gott,
Du, die eine Hoffnung, die ich habe,
erhöre mich,
dass ich nicht müde werde, nach Dir zu fragen,
sondern allzeit brennend nach Deinem Antlitz suche.

Gib Du mir Kraft, nach Dir zu fragen,
denn Du ließest Dich finden
und gabst mir Hoffnung,
Dich immer mehr zu finden.

Vor Dir ist meine Stärke,
vor Dir ist meine Schwachheit.
Jene bewahre,
dieser hilf auf.

Vor Dir ist mein Wissen,
vor Dir ist mein Unwissen.
Wo Du mir auftust,
nimm mich auf, wenn ich eintrete.
Wo Du verschlossen hältst,
tu mir auf, wenn ich anklopfe.

Dich will ich im Sinn haben,
Dich verstehen,
Dich lieben.

Das alles mehre in mir,
bis Du mich umgestaltest
zur Vollendung.

Augustinus, Über die Dreieinigkeit, Buch XV, 51